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Unkontaktierte Völker

Verfasst von  Welt als Wille

Was sind "Unkontaktierte Völker"?

"Unkontaktierte Völker" ist eigentlich ein irreführender Begriff. Unkontaktiert im Sinne von "vollkommen unberührt von jedwedem sozialen Kontakt" lebt kein Volk dieser Erde mehr. Unkontaktiert meint vielmehr Volksstämme, die freiwillig jedem oder so gut wie jedem Kontakt zur sogenannten zivilisierten Gesellschaft, dem "Mainstream", aus dem Weg gehen; was nicht bedeuten muss, dass diese Menschen keinen Kontakt zu anderen benachbarten Stämmen unterhalten.

Nun schätzen einige NGO`s die Anzahl stark isoliert lebender Völker auf mehr als einhundert (s. Karte oben). Auch wenn solche Zahlen reine Definitionssache sind, so herrscht im Westen klare Einigkeit darüber, dass es noch fast komplett isoliert lebende Völker gibt und dass sie in hohem Maße gefährdet sind.

Ich will im Folgenden neben einigen Informationen zu den "Isolados" vor allem auf die Punkte eingehen, die mich persönlich an dieser Thematik so interessieren und weshalb sie es tun ... eigentlich.

Wo und Wie?

Unkontaktierte Völker leben heutzutage wohl nur noch in einigen Teilen des Amazonas (Brasilien, Peru), in West-Papua (Indonesien) und auf den Andamanen (Indien). Mit der fortschreitenden Abholzung der Wälder, der Missionierung und "Zivilisierung" in diesen Gebieten schrumpft die Anzahl isoliert lebender Menschen von Jahr zu Jahr weiter und Menschen, die einmal in die Mehrheitsgesellschaft eingegliedert worden sind, kehren nur äußerst selten zu ihrem traditionellem Lebensstil zurück.

Nach den vielen gescheiterten Versuchen und dem internationalen Druck, ist Integration indigener Bevölkerungsgruppen heute ein vergleichsweise ernstgenommenes Thema und eine Assimilierung um jeden Preis ist politisch größtenteils unpopulär geworden. Die Situation isolierter Völker bessert sich dagegen nur kaum und die Abholzung zum Beispiel, ebenso wie die Missionierung florieren weltweit nach wie vor.

Die Probleme indigener Völker sind jedoch den meisten von uns gut bekannt und daher übergehe ich diesen Punkt erst einmal. Interessanter erscheint mir die Frage, woher wir überhaupt etwas über solche Völker wissen, wenn sie doch "unkontaktiert" sind?

Tatsächlich lässt sich relativ viel über ein einzelnes Volk aussagen, wenn man seinen Nachbarn kennt. Selbst Stämme, die gegenwärtig keinen Kontakt zu ihnen anliegenden Stämmen haben, werden meistens einige Ähnlichkeiten mit diesen aufweisen können. Kontakt muss es also immer gegeben haben, selbst bei Völkern wie den Sentinelesen, die wohl seit langer Zeit vollkommen isoliert von der Außenwelt leben (vielleicht sogar einige hundert Jahre). Die heutige Wissenschaft streitet ohnehin darüber, wie lange ein kleiner Stamm ohne genetische Durchmischung mit "Fremden" überhaupt überleben kann. 

Um zurück zu den Lebensumständen zu kommen, haben wir im Fall der isolierten Indios im Amazonas durchaus einen groben Überblick darüber, wie sie leben. Hinzukommt, dass Anthropologen/Regierungen die Isolados zum Teil aus der Ferne beobachten und über ihre Bewegungen gut Bescheid wissen. Ebenso werden auch die Indios eine Ahnung davon haben, was um sie herum passiert. Man darf sich also nicht vorstellen, dass diese Menschen in so etwas wie einer anderen Welt leben würden. Allein über die vorhin erwähnten Sentinelesen, die Insulaner sind, wissen wir tatsächlich kaum etwas. Obwohl mehrfach versucht wurde, Kontakt mit ihnen aufzunehmen, gelang es bislang niemandem in direkte Verbindung mit diesem Volk zu treten oder Einzelheiten über ihr Leben zu erfahren. Seit mehreren Jahren werden auch keine echten Kontaktversuche mehr unternommen und die indische Regierung schützt die Insel vor ungebetenen Besuchern.

Nichtsdestoweniger darf man keinesfalls davon ausgehen, dass diese Menschen im sogenannten "Naturzustand" leben würden. Auch ihr Leben verändert und entwickelt sich. Isolierte Völker leben freiwillig abgeschottet von uns und verzichten aus ganz bestimmten Gründen auf einen Kontakt - und nicht aus Ignoranz. Aber auch darauf will ich hier nicht weiter eingehen.

Wichtig erschien es mir auf zwei Dinge aufmerksam zu machen: und zwar, dass es tatsächlich Menschen gibt, die isoliert von der Zivilisation leben und in einer Art, die viele von uns als urzeitlich erachten, und dass diese Menschen dennoch keine Steinzeitmenschen sind, die abgeschnitten von der Wirklichkeit irgendwo in einer unbekannten Wildnis dahinleben.

Genauere Informationen zu den einzelnen Völkern und ihrer Situation sind relativ einfach zusammenzutragen, auch wenn ich nur kaum deutsche Seiten dazu kenne. Wer sich jedoch ernsthaft über dieses Thema informieren möchte, der wird auf englischsprachigen Seiten fündig werden. Mein Interesse lag auf etwas völlig anderem, aber zuerst noch ein paar Links zur Thematik.

http://www.andaman.org/

Wieso sind wir "zivilisiert"?

Zuallererst: Unter einem zivilisierten Menschen verstehe ich hier jemanden, der sich zum Gegenstand eines Systems oder einer Idee macht, die nicht allein Einfluss auf ihn selber bzw. die Menschen, mit denen er unmittelbar zusammenlebt, hat, sondern auf eine breite Masse an Menschen. Zivilisation ist Ordnung, ist Organisation, ist Leitung, ist Fortschritt. - Und haben die letzten Jahrtausende an Entwicklung und Fortschritt dem Menschen denn nicht unglaublich viel "Gutes" gebracht: Wissenschaft, Medizin, Technik, einen ungeahnten Lebenskomfort; ebenso wie eine ausgeklügelte Moral, Ethik und sogar Gott? Wo liegt also eigentlich mein Interesse an einem Leben, dass ohne jeden Kontakt mit der Zivilisation auskommt?

Nun, zuerst bewerte ich technische Entwicklung oder die Ansammlung von immer mehr Wissen keinesfalls als gut; ich bewerte ein längeres Leben nicht als erstrebenswert, ebensowenig wie ich ein Leben in der Großstadt unnatürlich finde. Ich bewerte überhaupt nicht. Ich bin in erster Linie an den Fragen, die mit einem naturnahen Leben verbunden sindinteressiert. Es geht mir auch nicht darum, diesen Menschen in irgendeiner Form zu helfen oder sie auf die unausweichliche Konfrontation mit der Zivilisation vorzubereiten. Einen Begriff von Hilfe habe ich bei diesem Punkt nicht einmal. Hier stehen wir ohnehin vor der Frage, was für Hilfe überhaupt möglich wäre! Wollen wir solche Völker in echter Selbstbestimmung weiterleben lassen, dann können wir nichts anderes tun, als ihr Land und ihre Isolation zu schützen. Wollen wir ihnen dagegen ein besseres Leben (sei es länger oder "glücklicher") ermöglichen, dann haben wir kein echtes Interesse mehr an ihrer Isoliertheit, sondern wohl vielmehr an Abenteuern, Gott oder dergleichen Unsinn. Es ist Zeit danach zu fragen, ob wir nicht bloß an dem Kontakt mit "unkontaktiert lebenden Völkern" interessiert sind? ---

Vorher will ich aber an einem anderen Punkt ansetzen. Ich denke, dass das, was wir unter einem modernen Leben verstehen, das Leben des Menschen in psychologischer Hinsicht verkompliziert. Kultur, Tradition, Geschichte, Religion, ebenso wie materieller Reichtum, Freizeit und die damit einhergehenden "Chancen" nehmen dem Leben zweifelsohne seine Einfachheit. Moderne Menschen suchen daraufhin allzu häufig nach dem Sinn des Lebens, nach Glück oder dem "Leben nach dem Tod". Das alles ist zum Teil mit gewaltigen Schwierigkeiten für einen selber verbunden. Fakt ist, der Mensch kann ohne diese "Suche", ohne diese Komplikationen leben. Oder etwa nicht?

Und überhaupt: Was für ein Leben wäre das? Die Frage ist: Leben womöglich unkontaktierte Völker in einer solchen Unkompliziertheit? Schließlich scheinen zumindest die Lebensumstände dieser Menschen sehr "einfach" zu sein. Und durchaus, diese oberflächliche, praktische Einfachheit wirkt sich sicherlich auch auf das menschliche Bewusstsein aus. Und ich persönlich ziehe ein Leben nackt und als Selbstversorger im Urwald dem bürgerlichen jederzeit vor. Nur greifen bei diesen Menschen unter Umständen ganz andere Dinge in das "Glück" hinein und ein einfaches Leben selber befreit einen Menschen keineswegs von allen seinen Schwierigkeiten.

Auch wenn isolierte Menschen nicht die ausgeklügelten Lasten der modernen Gesellschaft und seiner Strukturen: der Ehe, des Besitzes, des materiellen/spirituellen Wohlseins, letztlich des so groß gewordenen "Ichs", mit sich herumtragen, so tragen sie andere. Fakt ist auch, dass viele naturnahe Stämme, sobald sie einmal im Mainstream angekommen sind, diesem nur selten widerstehen und gerade deshalb so oft daran zugrunde gehen. In Wahrheit unterscheiden wir uns alle wohl nur sehr wenig in den weltlichen Angelegenheiten - wenn wir es denn überhaupt tun.

Somit sind es nicht so sehr die Völker an sich, an denen ich interessiert bin, sondern der besondere Umstand, in dem sie leben - die Freiheit: das definitive "frei sein" von jedem Bezug zur modernen Gesellschaft. Diese Menschen sind die einzigen, die aufgrund ihrer besonderen Situation, psychologisch komplett unabhängig von den Regierungen und Verfassungen um sie herum sind. Nichts verfärbt die Existenz diese Menschen: bis auf einen kleinen Kreis, der ihr Leben direkt umschließt, und einem noch kleineren um diesen herum. Übrigens ist es gerade diese Freiheit bzw. Unwissenheit, die unkontaktierte Völker letzten Endes auch gefährdet.

Mir stellt sich an dieser Stelle die entscheidende Frage, ob es für den Menschen von heute möglich wäre, zu einer solchen Freiheit zurückzufinden. Und hier komme ich auf die Überschrift zurück. Wieso sind wir eigentlich zivilisiert? Wieso sind wir es immer noch? Gibt es womöglich ein zivilisiertes "Zurück"? Ein weg von Fortschritt, von Reichtum, von lebensverlängernden Maßnahmen, letztlich vom "Ich"? Ein Zurück zu einem Anfang, an dem wir frei von all den psychologischen Übeln sind, all den Depressionen, die mit dem Ich verbunden sind? - Bewusst frei!

Isoliert lebende Menschen stehen nicht am Anfangspunkt der menschlichen Probleme und schon gar nicht am Anfang des Ichs. Aber sie stehen dem allem sehr viel gelassener gegenüber als wir. Eben hierin hat diese Thematik ihren speziellen Reiz. Ich will ein Leben in absoluter Ruhe führen. Ich will still sein. Ich muss nicht in den Wald gehen, um diese Stille zu finden; ich vermute, dem stillen Menschen kommt dieser Wald von selbst zurück.

Aber soviel für den Moment. Schließlich wird es nun doch noch irgendwie interessant, nicht wahr? - Und hier beginnt die Stille. Und der stille Mensch, so scheint es, schreibt von seiner Stille nichts ...


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